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Energiewende 4.0: Die 70/70 Strategie des AGFW

Einen neuen Impuls in Sachen Energiewende gibt jetzt der Vorstand des AGFW mit der „70/70-Strategie“. Diese fordert die 70 einwohnerstärksten Städte Deutschlands zu 70 % mit Fernwärme zu versorgen, um damit bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen.

Über 80 % der Emissionen weltweit entstehen in den Städten und Metropolregionen. Daher findet sich hier der größte Hebel zum effizienten Umgang mit Primärenergie und zur Reduktion von Emissionen. Verstanden haben das bereits viele. Die UN wirbt in ihrer aktuellen Nachhaltigkeitsinitiative „District Energy in Cities/Unlocking the Potential of Energy Efficiency and Renewable Energy“ dafür, die Europäische Kommission hat es verstanden und das Thema „District Heating and Cooling“ in dem Mittelpunkt ihrer Zukunftsstrategie gestellt.

Die Skandinavier haben es längst getan, die Wärmeversorgung ihrer Städte in Fernwärme und Kraft-Wärme-Kopplung ausgebaut und wir in Deutschland haben in dieser Technologie eine über 120-jährige Tradition, die jetzt wieder in den Vordergrund treten muss: Das Zauberwort heißt „Energieeffizienz“; denn allein durch Dämmung werden unsere Städte ihre CO2-Reduktionsziele nicht erreichen. Erst die Kombination von maßvoller, bezahlbarer Sanierung und der richtigen (Fern-)Wärmeversorgung führen auf lange Sicht zu den gesteckten Zielen von „klimaneutralen“ Städten.

Fernwärme als flexible Lösung

Nahezu 50 % des gesamten Primärenergieverbrauchs in Deutschland geht auf das Konto der Wärmeversorgung. Als Hocheffizienztechnologie leistet die KWK schon heute einen unverzichtbaren Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz in Deutschland. Dabei wirken KWK-Anlagen durch ihre dezentralen und verbrauchsnahen Standorte netzentlastend und -stabilisierend zugleich. Vielfach ermöglicht jedoch erst die Infrastruktur der Wärmeverteilung (Fernwärme) die sinnvolle Einbindung von KWK und erneuerbaren Energien in die Wärme-versorgung von Städten. Darüber hinaus tragen sie heute und in Zukunft zu einem Mehr an Flexibilität und Versorgungssicherheit bei. Denn im Zusammenspiel von KWK-Anlage, Wärmenetz und Wärmespeicher ist das System sowohl für den Strom- als auch den Wärmemarkt smart, zukunftssicher und gesellschaftlich akzeptiert.

Wissenschaftliche Kooperation

Um dies mit Zahlen und Fakten belegbar in die aktuelle Energiewendedebatte einbringen zu können hat der AGFW-Vorstand die „70/70-Strategie“ initiiert. Die Studie des Institutes für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart und des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung aus Bremen IFAM betrachtet die 70 einwohnerstärksten Städte Deutschlands unter dem Aspekt eines konsequenten Ausbaus der Infrastruktur Fernwärme, gespeist aus KWK und Erneuerbaren Energien, mit der Zielstellung einer Klimaneutralität bis 2050. Erreicht wird dies durch die 70 % Wärmeversorgung mit Fernwärme.

Beleuchtet werden in der Studie volkswirtschaftliche Effekte wie das Erlangen von Treibhausgas-Minderungszielen und deren CO2-Vermeidungskosten, betriebswirtschaftliche Effekte im Hinblick auf den Ausbau der Fernwärmeverteilung bzw. –bereitstellung, regionale Effekte mit Bezug auf die lokale Wertschöpfung sowie insgesamt der Beitrag zur Zielerreichung der Energiewende durch den Ausbau dieser Technologien.

In den 70 einwohnerstärksten Städten in Deutschland leben derzeit rund 24 Mio. Menschen, das entspricht knapp 30 % der Gesamtbevölkerung von Deutschland. Gleichzeitig beträgt die Siedlungsfläche dieser Städte nur 16 % der Siedlungsfläche in Deutschland, dementsprechend weisen diese Großstädte eine höhere Bevölkerungsdichte auf. Dadurch ergibt sich auch eine höhere Wärmebedarfsdichte pro km².

Insgesamt beträgt die Wärmenachfrage innerhalb der betrachteten Städte rund 30 % der Wärmenachfrage der Wohn- und Nichtwohngebäude in Deutschland. Im Hinblick auf die Fernwärmeversorgung der Haushalte und des Bereiches Gewerbe/Handel/Dienstleistungen werden innerhalb dieser Städte ca. 131 PJ Fernwärme abgesetzt. Dies entspricht mit 52 % etwas mehr als der Hälfte des gesamten Fernwärmeabsatzes innerhalb dieser Sektoren in Deutschland (gesamt).


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„2005-08-30-district-heating-pipeline“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Darum geht es:

Der Ausbau der Fernwärmeversorgung ist in erster Linie eine Investition in eine Infrastruktur, wodurch die Möglichkeit geschaffen wird, zukünftig auf jegliche energiepolitische Herausforderungen flexibel zu reagieren.

Zusammengefasst kommt die Studie zu folgenden Hauptaussagen:

  1. Die 70 einwohnerstärksten Städte in Deutschland können ihr Ziel der Klimaneutralität, mit dem Umsetzten der Strategie erreichen. Mittelfristig, bis 2030 werden unabhängig vom unterstellten Ausbaupfad und der Erzeugungsvarianten der Fernwärme die energiepolitischen Treibhausminderungsziele erfüllt. Die Fernwärmeversorgung kann 2030 17 bis 23 Mio. t CO2 in den betrachteten Städten vermeiden; bis zum Jahr 2050 werden bis 32 Mio. t CO2 eingespart.
  2. Der KWK-Stromanteil wird bis 2020 um 5 Prozentpunkte und bis 2030 um 9 Prozentpunkte steigen. Mit der Umsetzung der 70/70 Strategie kann das 25%-KWK-Stromziel der Bundesregierung im Jahr 2030 erreicht werden.
  3. Die 70/70 Strategie ist ein kostengünstiges Instrument zur Umsetzung der Energiewende. Dafür sind bis 2030 lediglich Investitionen in Höhe von 35 Mrd. Euro und bis 2050 in Höhe von 40 Mrd. Euro nötig. (vgl. Ausgaben von 23 Mrd. Euro pro Jahr für Erneuerbare im Strom)
  4. Je nach Grad der Nichterreichung des 70/70-Ausbauziels kumulieren sich die volkswirtschaftlichen Mehrkosten bis zum Jahr 2050 auf über 3,5 Mrd. Euro.
  5. Durch den Ausbau der Wärmenetz-Infrastruktur entstehen bis zum Jahr 2030 bis zu 12.000 neue Arbeitsplätze. Weitere 1.250 Arbeitsplätze entstehen durch den Betrieb und die Instandhaltung der Infrastruktur.
  6. Bis 2030 werden durch die 70/70 Strategie kommunale Wertschöpfungseffekte zwischen 9,6 und 12,2 Mrd. Euro erzielt (EK-Steuer, Nettobeschäftigung, Gewerbesteuer und Unternehmensgewinne). Der direkte und indirekte Beschäftigungseffekt sorgt für eine Verdopplung dieser Wertschöpfung bis 2050.
  7. Der zusätzliche jährliche Effekt der kommunalen Wertschöpfung durch die Betriebsführung beträgt je nach Erzeugungstechnologie zwischen 22 Euro und 215 Euro je kW installierter Fernwärmeerzeugungsleistung
  8. Und nicht zuletzt - was oft übersehen wird - bis zu 70 Cent von 1 Euro den der Kunde für Fernwärme bezahlt bleiben vor Ort! Zum Vergleich, bei Erdgas sind dies rund 25 Cent, bei Heizöl lediglich 7 Cent.

Fazit

KWK in Verbindung mit der Infrastruktur Fernwärme ist die Effizienztechnologie an sich. Mit dem konsequenten Ausbau dieser Technik werden die weniger effizienten Technologien der Strom- und Wärmeversorgung zunehmend aus dem Markt verschwinden. Da die Treibhausgasemissionen des heutigen KWK/Fernwärme-Mix bereits die Anforderungen der Bundesregierung für das Jahr 2050 im Wärmemarkt unterschreiten, ist dieses eine konsequente Strategie für eine funktionierende und bezahlbare Energiewende.

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