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Weshalb Politiker den Bodensee vor Fracking schützen wollen

Preise und Abhängigkeit in der Energieversorgung steigen europaweit. Die Fördermethode Fracking würde neue Freiheiten schaffen, schürt aber vor allem Ängste. So auch rund um den Bodensee.

Die Nachfrage steigt, das Angebot sinkt: Ein Ende der Preissteigerungen bei den fossilen Energieträgern Gas, Öl und Kohle ist nicht in Sicht. Aus Sorge um die europäische Wirtschaft wollen die Staats- und Regierungschef der EU am 22. Mai erstmals unter dem Aspekt der Preisstabilität über die Energiepolitik beraten. Die EU-Kommission fordert dringend Maßnahmen, um auch in Zukunft eine finanzierbare Energieversorgung für Industrie und Verbraucher zu gewährleisten.

Im Jahr 2035 müssten die EU-Staaten voraussichtlich über 80 % ihres Gas- und Kohlebedarfs im aussereuropäischen Ausland einkaufen. Die Mitgliedsländer sollten deshalb auch das in den USA erfolgreich angewendete - aber in Deutschland und der Schweiz umstrittene - Frackingverfahren zur Gasgewinnnung aus Schiefergestein in Betracht ziehen.

Britische Konzerne am Bodensee

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat Vorschläge aus Brüssel zur Förderung von Erdgas aus schwer zugänglichen Gesteinsschichten angekündigt. Auf EU-Ebene "wird man sich das Thema Fracking und Umweltschutz in diesem Jahr genauer anschauen", sagte Oettinger der Tageszeitung "Die Welt".

Der Energiekommissar wies dabei vor allem auf die Chancen des Verfahrens hin. "Der Schutz von Gebieten, wo Trink- und Grundwasser vorkommt, wie im Falle des Bodensees, ist absolut richtig", sagte er zwar - warnte allerdings auch vor einer zu hohen Furcht vor den Risiken. Deutschland dürfe sich die Möglichkeiten nicht entgehen lassen, die Gasvorkommen unter dem eigenen Boden bedeuteten.

Bereits Ende letzten Jahres löste das Thema Fracking am Bodensee eine hitzige Debatte aus, die bis in die Schweiz reichte. Politiker von links bis rechts äußerten sich mehrheitlich Kritisch zur umstrittenen Beförderungsmethode. Auslöser waren britische Konzerne, die im Bodensee nach Erdgasvorkommen suchten, die in 2.000 bis 3.000 m Tiefe in dichtem, wenig durchlässigem Gestein eingeschlossen sind. Herauslösen lässt sich das Gas nur, indem Risse im Gestein erzeugt werden – mit hohem Druck und bisher meist mit einem Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien. Die Gegner befürchten, dass dies das Trinkwasser verpesten könnte. Sie verweisen auf die USA, wo an mehreren Orten der Giftcocktail durch Risse in den Erdschichten ins Grundwasser gesickert sei. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann distanzierte sich deutlich von einem solchen Vorgehen: "Der Einsatz des Frackings wird, soweit wasserführende Schichten betroffen sein können, zum heutigen Zeitpunkt klar abgelehnt."

Komplettes Verbot "sinnlos"

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprach sich nun für einen offenen Umgang mit der Technik aus. "Es wäre falsch, Fracking in Deutschland komplett zu verbieten", sagte er der Zeitung. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte, er sei dafür, "dass wir diese Technologie nach allen Seiten hin ernsthaft ausleuchten". Beide Politiker plädierten dafür, Entscheidungen erst nach der Bundestagswahl und den Landtagswahlen in ihren Ländern im Herbst zu treffen.

Die Technik zur Schiefergas- und Schieferöl-Förderung ist wegen befürchteter Auswirkungen auf die Umwelt hoch umstritten. Beim sogenannten Fracking werden Wasser, Sand und Chemikalien in schwer zugängliche Gesteinsschichten wie Schiefer gepresst und dadurch Druck erzeugt, um Gas oder Öl freizusetzen. Kritiker bemängeln unter anderem, dass die Chemikalien das Grundwasser verseuchen könnten. Andere befürchten sogar, dass Erdbeben dadurch ausgelöst werden könnten. In Deutschland konnte sich die schwarz-gelbe Koalition bislang nicht auf einen Gesetzentwurf zum Fracking einigen.

Wie baz.ch/Newsnet im letzten Dezember berichtete wächst unter Schweizer Geologen die Sorge, dass diffuse Ängste die Debatte über die Erdgassuche in der Schweiz dominieren. "Es braucht mehr klare, sachlich-wissenschaftliche Informationen statt Glaubensdiskussionen", sagt damals Peter Burri, Präsident der Schweizerischen Vereinigung von Energie-Geowissenschaftlern.

Boom in den USA

Der Schiefergas- und Schieferöl-Boom in den USA habe ein neues Energieangebot geschaffen, das "den Markt in den nächsten fünf Jahren so verändern wird wie der Anstieg der chinesischen Nachfrage in den vergangenen 15 Jahren". Die Schieferöl- und Schiefergas-Förderung hat einen regelrechten Goldrausch des 21. Jahrhunderts in den USA ausgelöst, wo Milliarden Dollar damit gemacht und hunderttausende neue Arbeitsplätze in abgelegenen Gegenden wie North Dakota geschaffen werden.

Die Internationale Energieagentur (IEA) verwies darauf, dass die US-Ölindustrie, deren Niedergang unaufhaltsam erschien, plötzlich zum "Zentrum eines neuen Ölbooms" geworden sei. "Nordamerika hat einen Angebotschock ausgelöst, der seine Wellen in die ganze Welt aussendet", sagte IEA-Exekutivdirektorin Maria van der Hoeven bei der Vorstellung des Berichts.

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