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Trans Adriatic Pipeline contra Nabucco West: Endspiel im Wettlauf der Erdgas-Pipelines

Ende Juni soll der Entscheid gefällt werden, über welche Route Erdgas aus Aserbeidschan nach Europa gebracht wird. Damit könnte ein episch angelegter Pipeline-Poker mit Schweizer Beteiligung enden.

Der Energieträger Erdgas hat in Europa auch schon einen besseren Ruf gehabt. So werden Gaskraftwerke abgeschaltet oder laufen mit halber Kraft, und der russische Exportmonopolist Gazprom gewährt Preisnachlässe. Schwache Nachfrage und die politische Bevorzugung erneuerbarer Energien lasten auf der Attraktivität von Erdgas. In der Branche fragt man sich, wer den von der EU-Kommission festgestellten Investitionsbedarf bis 2020 in der Höhe von mehr als 1000 Mrd. € für Stromerzeugung, Übertragung und Vertrieb stemmen soll. In diesem Umfeld wird am 28. Juni das Betreiberkonsortium des Erdgasfeldes Shah-Deniz-2 in Aserbeidschan offiziell mitteilen, auf welcher Route das aserische Erdgas nach Europa gelangen soll. Damit wird ein Schlussstrich unter eines der meistdiskutierten Infrastrukturprojekte Europas gezogen.

Immense Investitionen

Der sogenannte Südkorridor für Erdgaslieferungen ist vor allem dafür gedacht, die Abhängigkeit Europas vom russischen Gas zu mildern. Dispute zwischen Russland und der Ukraine als wichtigem Transitland gefährdeten die Gasversorgung europäischer Länder in der Vergangenheit. Da die eigene Produktion in den europäischen Ländern abnehmen wird, kommt Importen eine steigende Bedeutung zu. Während zunächst Erdgaslieferungen aus Aserbeidschan, Turkmenistan, Iran und dem Irak im Gespräch waren, kristallisierte sich allmählich heraus, dass zunächst einzig Aserbeidschan als neue Erdgasquelle infrage kommen wird.

Zur Auswahl als Transportrouten stehen dem Shah-Deniz-Konsortium und der Regierung in Baku zwei Varianten: Nabucco West verläuft von der türkischen Grenze nach Österreich, die Trans Adriatic Pipeline (TAP) geht nach Italien. An der TAP ist auch der Schweizer Energiekonzern Axpo beteiligt. Die gut 880 km lange TAP-Pipeline hatte sich im vergangenen Jahr gegen andere Projekte durchgesetzt und soll über eine Kapazität von zunächst 10 Mrd. m³ pro Jahr verfügen, die auf mehr als 20 Mrd. m³ erhöht werden kann. Nabucco startete zunächst ambitionierter und wollte kaspisches Erdgas ab der georgisch-türkischen Grenze abholen. Das redimensionierte Projekt Nabucco West soll jetzt über ähnliche Kapazitäten wie TAP verfügen. Dem Entscheid, Nabucco West vorzuschlagen, waren ein jahrelanges taktisches Geplänkel und zuletzt Unruhe im Aktionariat von Nabucco vorangegangen. Heerscharen von Politikern, Diplomaten und Lobbyisten trieben Planspiele in Brüssel und Baku. In Aschchabad, der Hauptstadt des isolierten Staates Turkmenistan, wurde der Konferenztourismus vorangetrieben.

Im Vergleich mit dem Interesse sind die Pipelines relativ klein – die Kapazität beträgt rund 2% des jährlichen Verbrauchs der EU oder rund 10% der Exporte von Gazprom nach Europa. Der "Südkorridor" ist aber prinzipiell wichtig, weil ein neues Lieferland erschlossen wird, dem sich andere anschliessen könnten. Es ist eine alte Weisheit, dass das Erdgas den Pipelines folgt. Die Investitionen sind auf alle Fälle riesig. Das Preisschild für die Anlagen von der Produktion bis zur Transportinfrastruktur könnte mindestens auf 40 Mrd. $ lauten. Laut BP kostet die Erschliessung des Feldes bereits 25 Mrd. $, der Rest ist für die Pipelines vorgesehen. Weder Nabucco noch TAP haben die Investitionssummen veröffentlicht. Die in Baar domizilierte TAP-Gesellschaft geht aber von Investitionen in der Höhe von 1,5 Mrd. € in Griechenland aus. Einfach hochgerechnet auf die gesamte Länge würde dies Kosten von 2,8 Mrd. € (3,7 Mrd. $) implizieren, wobei der Teil durch die Adria aber teurer als das Stück am Land sein dürfte. Für die Trans Anatolian Pipeline (Tanap), die durch die Türkei führt, gibt es bereits eine offizielle Kostenschätzung: 10 Mrd. $. Aserbeidschan und die Türkei haben sich dazu entschlossen, die Leitung zu bauen. Dass Tanap tatsächlich ab 2020 einsatzbereit ist, wird in der Branche mit einem Fragezeichen versehen. Das Shah-Deniz-Konsortium möchte Ende 2018 die Produktion aufnehmen. Zunächst könnten aber auch bereits bestehende Kapazitäten in der Türkei verwendet werden. Ins Zeug legt sich auch Gazprom mit dem Projekt South Stream, das von Russland durch das Schwarze Meer ins italienische Tarvisio führen soll. Die Kapazität beträgt nach Plan 63 Mrd. m³, die Kosten liegen bereits nach Gazprom-Angaben bei 16,5 Mrd. €. Weil damit vorerst wohl die Ukraine umgangen werden soll, würde dies aber bedeuten, dass keine neuen Gasmengen darüber abgesetzt würden.

Attraktive Märkte

Michael Hoffmann, der "Außenminister" von TAP, ist der Überzeugung, dass bei der Entscheidung die Frage nach den Kosten ausschlaggebend sein wird. TAP sieht sich dabei als kürzeres Projekt im Vorteil gegenüber Nabucco. Ein Sprecher von Nabucco geht davon aus, dass die beiden Projekte ähnlich viel kosten, weil TAP Gebirge und das Mittelmeer überwinden müsse, was teuer sei. Es gehe auch um eine Selektion der Märkte, sagt Hoffmann weiter. Das Preisniveau in Italien sei derzeit angemessen hoch. TAP würde auch neue Märkte wie Albanien, Montenegro, Kroatien, Bosnien und Herzegowina erschliessen. Nabucco verweist darauf, dass Bulgarien, Rumänien und Ungarn noch kaum verbundene Gasmärkte hätten und zu mehr als 50% von russischen Erdgaslieferungen abhängig seien. Nabucco brächte für diese Märkte mehr Diversifikation. Italien ist bereits mit Erdgas aus Nordafrika und Russland gut versorgt. Zudem gibt es Terminals für verflüssigtes Erdgas. Zuletzt plante TAP-Aktionär E.On, kanadisches Gas nach Italien zu liefern.

In der Endphase geht es weniger um Geopolitik, als vielmehr darum, welches Projekt die niedrigeren Gebühren und die attraktiveren Märkte aufweist. Zudem ist wichtig, wie einfach Märkte durch bestehende oder noch zu bauende Infrastruktur erschlossen werden können. Ende Juni wird eines der Projektteams enttäuscht sein. Für Aserbeidschan, das den Niedergang der Ölproduktion mit dem Aufbau der Gasförderung kompensieren muss, wird es aber auf alle Fälle ein bedeutender Tag sein.


"Einen Plan B haben wir nicht"

Der Nordostschweizer Stromkonzern Axpo, der derzeit mit 42,5% am Projekt der Trans Adriatic Pipeline (TAP) beteiligt ist, hat bereits mehr als 80 Mio. Fr. (Ende 2012) in das Gasleitungs-Vorhaben investiert. Zudem gewährte die Axpo der TAP-Gesellschaft ein langfristiges Darlehen in der Höhe von 28 Mio. Fr. Das finanzielle Engagement spiegelt den Plan, mit dem Erdgasgeschäft ein starkes Bein aufzubauen.

Eine wichtige Rolle nimmt dabei aserisches Erdgas über die TAP ein. Das Pipelinegeschäft gehöre nicht zu den Kernkompetenzen der Axpo, sagt Markus Brokhof, der für das Gasgeschäft bei der Axpo zuständig ist. Vielmehr sei die TAP ein Mittel, um Erdgas günstiger als am Spotmarkt und auf lange Frist zu bekommen. Zunächst ist das TAP-Projekt dazu gedacht, die eigenen Gaskombikraftwerke in Italien zu beliefern. Mit langfristigen Abnehmerverträgen kann auch eine Basis für Lieferungen in die Schweiz und darüber hinaus gelegt werden. Mit dem Atomausstieg könnte Erdgas zu einem wichtigen Energieträger zur Verstromung für die Schweiz werden. Die Axpo wälzt bereits die Pläne für Gaskraftwerke in der Schweiz. Derzeit sind aber noch nicht die Rahmenbedingungen für eine rentable Umsetzung der Pläne gegeben. Ausserdem will die Axpo am Gasmarkt für Industriekunden und Stadtwerke Fuss fassen. Zudem können TAP-Volumen über die Pipeline Transitgas über die Schweiz nach Deutschland oder Frankreich geliefert werden. Bis anhin ist der übliche Verlauf noch von Norden nach Süden, die Möglichkeiten eines erweiterten Rückflusses werden ausgelotet. Derzeit besteht aufgrund der schwachen Marktlage dafür aber kein Bedarf.

Die TAP-Gesellschafter dürfen bis 2046 über die Kapazität der Pipeline zu nicht regulierten Tarifen verfügen. Falls die TAP den Zuschlag erhält, würden sich einige Shah-Deniz-Konsortialpartner an der Gasleitung beteiligen. Laut Brokhof ist eine Reduktion des Axpo-Anteils an der TAP von 42,5% auf rund 15% denkbar. Es hänge aber von den zusätzlichen TAP-Aktionären ab.

"Einen Plan B haben wir nicht, wenn TAP leer ausgeht", meint Brokhof. Die Strategie müsste dann überarbeitet werden. Derzeit beschafft die Axpo Gas von Produzenten aus Russland und Norwegen sowie von Spotmärkten in Europa.

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